Ich war auch mal Märchentante …

Da habe ich doch gerade in den Untiefen meiner alten Festplatte das Märchen gefunden, dass ich vor 10 Jahren für Lena geschrieben habe. Über Prinzessin Lena, die allen Lebewesen ins Herz gucken konnte und dem Drachen Waldemar, der ihr Freund wurde. Ich hab sogar dafür gezeichnet – auch wenn das nicht wirklich meine Kernkompetenz ist (was auch die Frage beantwortet, ob das Bild im Beitrag von Lena ist: Nein.). Aber das Märchen finde ich immer noch hübsch.  Ich hab hier mal den Anfang des Märchens reinkopiert. Das Bild zeigt übrigens Waldemar beim Versteckenspielen …

Es war einmal, vor langer, langer Zeit…

…da wurde in einem fernen Land ein ganz besonderes Mädchen geboren und das hieß Lena. Als ihre Mutter, die Königin, Lena noch unter ihrem Herzen trug, da war sie durch den Feenwald gegangen und die Feen, die an diesem Tag besonders gute Laune hatten, legten einen Segen auf das ungeborene Kind. So kam es, das Lena die Gabe besaß, allen Lebewesen ins Herz schauen zu können.

 

Schon, als sie noch ganz klein war, merkte sie, dass sie anders sehen konnte als die anderen. Sie musste nur den Kopf schieflegen und genau hingucken, dann sah sie es.

Gute Herzen waren warm und weich und durchscheinend und strahlend, in ganz unterschiedlichen Farben.

Sie konnten feuerrot sein

oder himmelblau

oder sonnengelb

oder aber auch bonbonrosa.

Schlechte Herzen waren hart und schwarz und kalt

Natürlich gab es auch Herzen, die ein bisschen von beidem waren, gute Herzen, die im Lauf der Zeit Narben bekommen hatten, oder Hornhaut oder Risse, und schlechte Herzen, die langsam wieder anfingen, zu leuchten. Denn Herzen, gute wie schlechte, bleiben nicht immer gleich, sie können sich verändern.

Eines Tages spielte die kleine Prinzessin mit ihren Freunden im Park des Schlosses Fangen. Plötzlich rannte mit lautem Getöse ein Drache zwischen den Bäumen hervor. Er war  ziemlich groß und hässlich und wirklich furchterregend. Seine Haut war grün und schuppig und er hatte überall dicke rote Warzen. Auf seinem Rücken stand ein dicker gelber Schuppenkamm. In seinem riesigen Maul blitzten scharfe weiße Reißzähne (Drachen legen sehr viel Wert auf Zähneputzen – denn was wäre ein ordentlicher Drache ohne Zähne!). Sei dicker Bauch glühte rötlich von den gespeicherten Flammen, denn es war ein feuerspukender Drache. Und an seinen Seiten hatte er große, ledrige grüne Flügel. Das war wirklich ein ordentlich furchterregender Gesamteindruck!

 

Kein Wunder, dass alle Kinder schreiend davonliefen, als sie das Ungetüm sahen. Auch Lena rannte fort und versteckte sich hinter einem Baum. Doch dann legte sie den Kopf schief und schaute dem Drachen ins Herz.

Und sie sah ein leuchtendes, orangefarbenes, klares Herz und erkannte, dass das Tier zwar grauselig aussah, aber nichts Böses wollte.

Sie kam hinter ihrem Baum hervor und ging zu dem großen Drachen, der auf der Wiese stand und traurig guckte.

„Du willst mit uns spielen, nicht wahr?“ fragte Lena den Drachen.

Der Drachen nickte, denn er konnte die Menschensprache verstehen, wenn auch nicht sprechen.

„Bist Du sehr einsam?“ fragte Lena. Und wieder nickte der Drache mit seinem großen, schuppigen Kopf und eine dicke Träne kullerte aus seinen großen, schwarzen Augen.

Die anderen Kinder hatten im Schloss Alarm geschlagen und lugten jetzt zwischen den Zinnen hervor, um zu sehen, wie der König seine Tochter vor dem Drachen retten würde. Der kam auch gleich mit fliegenden Rockschößen angerannt und fuchtelte mit einem großen, scharfen Schwert herum.

„Lass sofort meine Tochter in Ruhe, Du Untier!“ brüllte er ganz laut, damit ja niemand merkte, dass er ja eigentlich auch ganz schön Angst vor diesem großen Drachen hatte. Und wie so viele Menschen dachte er, dass das niemand merkt, wenn er nur besonders herumpoltere.

Der Drache bekam vor lauter Schreck einen Schluckauf. Nur ist es so, dass Drachen, wenn sie einen Schluckauf haben, ganz schön gefährlich für ihre Umgebung sind, denn immerhin haben sie den ganzen Bauch voller Feuer. Und so züngelte bei jedem Hicks eine kleine Flamme aus seinem Maul.

Lena machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, damit der Drache sie nicht ausversehen ansengte. „Aber Vati!“, rief sie, „Der Drache will mir doch gar nichts tun! Mach ihm doch keine Angst!“

Da guckte der König ganz verwirrt. Der Drache versuchte, ganz besonders harmlos zu gucken, was nicht einfach ist für einen Drachen, besonders, wenn er Schluckauf hat.

„Na, wenn Du das sagst…“, sagte der König und ließ das Schwert sinken, denn er wusste ja, dass seine Tochter eine besondere Gabe hatte. Aber so ganz weglegen wollte er das Schwert doch nicht, immerhin war das ein ganz schön großer Drache mit ganz schön großen Zähnen.

„Er will nur mit uns spielen“, erklärte Lena ihrem Vater. „Er ist wirklich ganz lieb.“ „Wie heißt Du eigentlich?“ fiel ihr plötzlich ein. Aber der Drache konnte ja die Menschensprache nicht und guckte sie daher nur an. Lena legte wieder ihren Kopf schief und überlegte. „Ich glaube, Du heißt Waldemar. Ist das richtig?“ Echte Drachennamen lauten natürlich ganz anders, aber die können Menschen gar nicht aussprechen. Und der Name Waldemar gefiel dem Drachen außerordentlich gut, also nickte er.

„Kommt alle wieder runter“, rief Lena den anderen Kinder zu. „Wir spielen Fangen mit Waldemar!“  Und so spielten Waldemar, die Prinzessin und die anderen Kinder den ganzen Nachmittag im Park.

Sie spielten Fangen. Und Waldemar war ganz vorsichtig, wenn er mit seinen großen Pranken nach den Kindern haschte.

Sie spielten Verstecken. Und Waldemar war immer der erste, der gefunden wurde.

Der Drache Waldemar beim Versteckspielen.

 

… Das ist ungefähr die Hälfte der Geschichte.  Inzwischen ist Lena übrigens 11 Jahre alt – ich werde sie mal fragen, ob sie sich überhaupt noch daran erinnert.

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