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Montag November 20, 2017
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Das Flattern in den Hosenbeinen: Jen Majura im Interview

PictureSeit 2002 fegt JEN MAJURA als Profimusikerin über die Bühnen. Die Bandbreite der Stuttgarterin ist atemberaubend: Ob als Backing-Sängerin bei Rage („Carved In Stone“), sexy Angus-Young-Klon bei der All-Female-AC/DC-Tributeband Black Thunder Ladies, Solokünstlerin (ihre zweite CD erscheint in diesem Jahr), Gast-Gitarristin bei Knorkator, Bassistin bei Equilibrium oder neuerdings Gitarristin bei Evanescence – Jen weiß, wie der Hase im Business läuft.

 

Jen, was hat dich als Kind an die sechs Saiten gebracht?

 

»Mit vier Jahren wollte ich von selber schon Keyboard und Klavier spielen und bekam dann Unterricht. Allerdings ist mir schnell klar geworden, dass ich keinen Bock darauf hatte, nach Noten Kinderlieder oder langweilige Etüden zu spielen. Mit acht wollte ich dann unbedingt E-Gitarre lernen – entgegengesetzt zum allgemeingültigen Grundsatz, dass man erst akustische Gitarre lernen soll. Mein Dad träumte immer davon, dass ich ihm irgendwann, wenn er mal 80 ist, Beethovens ´Mondscheinsonate´ auf dem Klavier vorspiele – nun bekommt er Metal und Rockmusik (lacht).
Mein erstes Ziel war es, ´God Gave Rock And Roll To You´ von Kiss zu zocken, allerdings ist das nicht unbedingt das leichteste Stück, um auf diesem Instrument zu beginnen. Ich habe also schnell meine Ansprüche ziemlich zurückgeschraubt und langsam begonnen. Ich lernte ziemlich rasch, dass man viel Zeit und Nerven investieren muss, um gut zu werden und seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden zu können. Für mich gilt seither eine Faustregel: Wer länger langsam spielt, spielt schneller schnell!«

 

Welche Musiker haben dich zuerst beeindruckt?

 

»Ich war damals ein kleines Mädel, ziemlich alleine auf weiter Flur mit meiner E-Gitarre. Während alle Klassenkameraden Backstreet Boys, DJ Bobo und so einen Kram hörten, galt meine Vorliebe Steve Vai & Co. Klar, dass damit keiner etwas anfangen konnte. Wie viele Kids damals fand ich Bon Jovi großartig, vor allem die alten Achtziger-Sachen wie „New Jersey“ und „Slippery When Wet“. Als ich die Platten dann alle spielen konnte, entdeckte ich Gitarristen wie Nuno Bettencourt von Extreme, der für mich durch sein groovig-perkussives, aber auch melodiöses und songdienliches Spiel nach wie vor einer der ganz Großen ist.«

 

Und was ist mit den Shreddern à la Malmsteen oder Jason Becker?

 

»Die fand ich zwar interessant, aber so richtig gekickt hat mich das nie. Ich habe mir lieber Alben von Scott Henderson, Allan Holdsworth oder Michael Landau gekauft, fand aber auch AC/DC, Metallica und Slayer cool. Heutzutage dürfte wohl Mattias IA Eklundh, der Gitarrist von Freak Kitchen, mein größter musikalischer Einfluss sein.«

 

Du hast dir nicht nur als Gitarristin einen Namen gemacht, sondern auch bei Equilibrium Bass gespielt. Welches Instrument spielst du lieber, und was ist für dich der Hauptunterschied in der Herangehensweise?

 

»Ich spiele definitiv lieber Gitarre, da ich vom Herzen her Gitarristin und nicht Bassistin bin. Wenn wir nicht von legendären Bass-Größen wie Billy Sheehan oder Stu Hamm sprechen, glaube ich, dass jeder Gitarrist in der Lage ist, ein wenig den Bass zu bedienen. Ähnlich dachte ich, als ich mich dazu entschloss, bei Equilibrium einzusteigen. In dem Jahr in der Band habe ich allerdings gemerkt, dass es schon ein gewaltiger Unterschied ist. Da geht es hauptsächlich um die Fingerkraft und die Hörgewohnheiten. Während ich als Gitarristin gerne einen „Von allem ein bisschen“-Mix auf dem Monitor habe, änderte sich das als Bassistin radikal. Bassisten sind primär dazu verpflichtet, die Basis der Groove-Sektion stark zu machen. Ich begann, Grooves anders zu fühlen, mich anders zu bewegen, anders zu hören. Nebenher unterrichte ich in meiner kleinen Musikschule in Brilon. Ich stelle da gerne bildliche Vergleiche an und sage den Schülern: Der Bass bildet zusammen mit den Drums den Tortenboden, während der Gitarrist eher die Schokoglasur ist.«

 

Und was ist dann der Sänger?

 

»Der Sänger? Das kleine Sahnehäubchen (lacht).«

 

Digital oder analog? Glaubst du, dass es einmal keine Unterschiede mehr geben wird in Sachen Modeling- vs. Röhrenamp?

 

»Ui, mein Lieblingsthema. Ich bekenne mich ganz klar zur Röhrenamp-Fraktion! Ich stelle mit Erstaunen fest, dass die Entwicklungen im Modeling-Bereich heutzutage immer besser, die Ergebnisse immer genauer werden. Vor allem ist es einfacher, das sehe ich ein. Wenn ich in einer kleinen Coverband spiele und mit einem Mini-Van durch die Welt gurke, ist es durchaus einfacher, einen Modeller mit verschiedenen gesampelten Ampsounds von anderen Ampherstellern mit sich rumzuschleppen. Aber: Ich steh auf guten alten Rock´n´Roll! Ich will meinen Amp und meine Boxen hinter mir auf der Bühne stehen haben. Ich will das Flattern in den Hosenbeinen spüren, wenn ich spiele – Bequemlichkeit hin oder her. Solange ich die Gelegenheit habe, mit meinen Engl-Amps und -Cabinets zu reisen und zu spielen, werde ich das tun.«

 

Hast du bestimmte Rituale, bevor es auf die Bühne geht?

 

»Ich weiß nicht, ob sich Warmspielen und Stretchen vor einer Show als Ritual bezeichnen lassen, aber das ist wichtig. Ich habe eine eiserne Faustregel: Egal ob 20 oder 20.000 Leute im Publikum, sich warmzumachen, ist einfach unverzichtbar – vor allem bei Festivals, wo es abends doch schon hin und wieder etwas frisch sein kann.
Auf der letzten Evanescence-Tour haben wir das praktisch alle zusammen gemacht. Zehn Minuten vor der Show wurde der Dressing-Room zu einem Stretch- und Dehnraum. Ergebnis: Kein einziges Mal hatte ich einen „Rockneck“ (steifer Nacken am Folgetag von zu viel Headbangen - Red). Als ich dann aber an einem Day-off in New York mit den Jungs zu einem Stryper-Konzert gegangen bin, hatte ich genau einen solchen am nächsten Tag – so viel Spaß hatte ich da. Wer macht sich schon warm, bevor er auf ein Konzert geht (lacht)?«

 

Als Ibanez-Endorserin bist du in einer Familie mit Giganten wie Steve Vai und Joe Satriani. Was gefällt dir am besten an den Ibanez-Gitarren?

 

»Meine erste E-Gitarre war ein pinkes, unspielbares Instrument der Firma Hohner. Schnell merkte ich, dass ich etwas anderes suche, und so kam es, dass meine erste selbst zusammengesparte Gitarre eine Ibanez S470 DX war. Ich mochte das Spielgefühl auf Anhieb, der Hals war nicht zu klumpig, der Korpus nicht zu schwer und zu sperrig, der Sound vielseitig, und außerdem sah und sieht sie selbst heute noch rattenscharf aus. Ich war mehrere Jahre bei Yamaha unter Vertrag, wollte aber einfach irgendwann „back to the roots“. Ich bin bei Ibanez mehr als happy, da mich die Gitarren ehrlich überzeugen. Vor allem meine wundervolle blaue BFP-77 JEM hat es mir schwer angetan.«

 

Als Musiker prasseln heutzutage viele Kommentare online auf einen ein. Das Trollverhalten ist auch hier stark ausgeprägt. Liest du so etwas, und lässt du dich davon beeindrucken?

 

»Hierzu gibt es ein Schlüsselerlebnis aus dem vergangenen Jahr. Ich hatte auf meiner offiziellen Facebook-Seite ein Statement-Video in Bezug auf Phil Anselmos „White Power“-Ausfall beim Dimebash gepostet. Dieses Video war für meine Freunde und Supporter gedacht – jedoch nicht für die gesamte Pantera-Fanwelt, die es dank eines Posts von Blabbermouth dann aber natürlich mitbekam. Es prasselten Hassmails und Beleidigungen der übelsten Art auf mich ein. Das ging bis hin zur Morddrohung, mich von der Bühne schießen zu wollen. Klar sagt der Verstand, dass man sich das nicht alles durchlesen sollte, dass man es nicht an sich heranlassen darf, aber es beschäftigt einen schon mehr, als man erwartet. Viele Kollegen lesen genau aus diesem Grund überhaupt keine Kommentare in den sozialen Medien mehr. Es können 50 Leute schreiben, wie großartig sie dich finden – schreibt nur einer, dass er dich scheiße findet, macht einen das doch fertig. Ich glaube nicht, dass man davor gewappnet sein oder lernen kann, vernünftig damit umzugehen, wenn von einem Tag auf den anderen auf einmal tausend Menschen Hasstiraden loslassen. Ich versuche täglich, mein Bestes zu geben, ein guter und ehrlicher Mensch zu sein, sodass solche Negativposts gar nicht erst zustande kommen.«

 

Wie sind eigentlich Evanescence auf dich aufmerksam geworden?

 

»Ich hatte auf dem Out & Loud Festival und dem Metalfest in Tschechien gespielt. Da waren auch Testament auf dem Billing, und ich habe mich an diesem Wochenende viel mit Alex Skolnick unterhalten. Er war dann auch derjenige, der meinen Namen weiterreichte, als er nach einer Empfehlung für den Gitarrenposten bei Evanescence gefragt wurde.«

 

Wie muss man sich die Arbeit mit der Band vorstellen? Regelmäßiges Proben ist ja wohl eher nicht angesagt, liegt doch ein kleinerer Ozean zwischen euch.

 

»„Fliegst du jetzt jede Woche einmal nach New York zum Proben?“ ist keine seltene Frage im vergangenen Jahr gewesen. Natürlich tue ich das nicht. Amy Lee ist genauso wie ich eine Perfektionistin bei ihrer Arbeit, daher liegt es uns einfach allen sehr am Herzen, dass wir als Band bestens vorbereitet auf die Bühne gehen. Vor dem allerersten Run damals haben wir vor der ersten Show eine Woche lang intensiv geprobt. Inzwischen sind die Probenblöcke auf etwa drei Tage verkürzt worden – Tage, an denen wir uns intensiv mit den Songs beschäftigen, Neues ausprobieren, versuchen, Routine in unser Spiel zu bekommen, damit das Zusammenspiel tighter wird. Zeitzonen und Ozeane sind in Zeiten des Internets ja zum Glück bei weitem nicht mehr so dramatisch wie früher, wir chatten und skypen hin und wieder – so, wie Freunde es halt machen.«

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