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Montag November 20, 2017
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Janet Frame: Ein Engel an meiner Tafel

ein engel an meiner tafel-9783423145015Mit ihrer Autobiografie „Ein Engel an meiner Tafel“ (ursprünglich dreiteilig) liefert Janet Frame eine Hymne an die Literatur. Eine Danksagung an ihre Kunst. So ähnlich, wie John Miles einst seinem Genre ein Liebeslied widmete. Doch verdankt Frame dem Schreiben nicht nur ihr Glück, sondern ihr Leben. Und das im Wortsinn, denn die Verleihung des Literaturpreises rettete sie vor einer gefährlichen Hirnoperation (Lobotomie) und ebnete die Entlassung aus der Psychiatrie. Von vermeintlicher Schizophrenie keine Rede mehr. Fortan widmete die Neuseeländerin ihr ganzes Leben ihrer Berufung. „Wenn ich nicht in der Welt des Bücherschreibens leben könnte, wo sollte ich sonst überleben.“ Schöner hätte kein Lyriker die Geschichte zu erdichten vermocht.

 

Janet Frame, kurz „Jean“, wurde 1924 als drittes von fünf Kindern eines Eisenbahners in Dunedin, Neuseeland, geboren, wo sie 2004 auch starb. Die Familienverhältnisse waren ärmlich, Janet verliert eine Bruder an Epilepsie, zwei Schwestern durch Badeunfälle. Sie selbst wurde nach einem Suizidversuch über Jahre in Nervenheilanstalten behandelt, unter anderem mit Elektroschocks. Genie und Wahnsinn, wie gern nennt man diese in einem Atemzug. Doch Janet Frame ist nicht krank, vielmehr ist sie einsam und verkannt. Eine Außenseiterin, eine Träumerin. Die sich zur gefeierten Schriftstellerin entpuppt.

 

Ihr Schreibstil ist poetisch, sensibel, doch expressiv, zugleich zynisch aber ohne Anklage. Eher malt sie ihr Leben denn es zu schildern. Deshalb zählt ihre Autobiografie ›Ein Engel an meiner Tafel‹, die von Jane Campion verfilmt wurde, zu den bedeutendsten Beispielen für dieses Genre im 20. Jahrhundert. Deshalb gibt es wohl schon wieder eine Neuauflage.

Die Autorin und Hauptperson ist geprägt von dem proletarischen Neuseeland der Kriegs- und Nachkriegszeit als auch auch von verschiedenen Autoren der Weltliteratur, unter anderem Shakespeare, Maurice Duggan (1922 bis 1974) und Katherine Mansfield. Der Romantitel „Ein Engel an meiner Tafel“ ist ein Zitat aus dem dichterischen Werk von Rainer Maria Rilke.

 

Frame ist Autorin von zwölf Romanen, darunter „Dem neuen Sommer entgegen“ und „Wenn Eulen schrein“, fünf Erzählsammlungen, Gedichten und einem Kinderbuch. Mehrmals wurde sie für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen.

 

Autobiografie,
Auflage: 2016,
296 Seiten,
ISBN: 978-3-423-14501-5,
Ladenpreis: 10,90 Euro

 

„Ein Engel an meiner Tafel“ ist ein Buch für ruhige, traurige Stunden. Janet Frame nimmt den Leser mit in ihre Welt, in der sie zunächst schüchtern die verfaulten Zähne hinter der Hand verbirgt, ihre Damenbinden aus Scham auf dem Friedhof entsorgt. Und dann gibt es doch so etwas wie ein ungefeiertes Happy End. Ein neuseeländischer, kein amerikanischer Traum. Schade, dass sie die Zeit in der Psychiatrie nur ankratzt, statt sich wirklich in die Seele blicken zu lassen. Speziell diesen Teil hat sie aber wohl schon ausführlich in ihren anderen Werken verarbeitet, die in Deutschland jedoch eher weniger bekannt sind.

 

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