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Montag November 20, 2017
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Pontus Ljunghill: Der Mann im Park

"Stimmt das, was man über die Polizeibeamten sagt? Dass sie alle einen Fall haben, einen einzigen, den sie unbedingt lösen wollen. Mehr als alles andere auf der Welt. Stimmt das, oder ist das ein Mythos?" John Stierna, Kommissar im Ruhestand, kann die eindringliche Frage des Journalisten, dem es um eine Serie spektakulärer Mordfälle geht, verneinen. "Nicht alle haben so einen Fall. Nicht mal die meisten." Er aber, er ja. Der ungeklärte Mord an der achtjährigen Ingrid Bengtsson im September 1928, der zugleich beruflicher Höhepunkt und Ende einer potentiell großen Laufbahn für ihn war. Loslassen, das konnte er nie, auch wenn es ihn womöglich Liebe und Lebensfreude gekostet hat. Auch 25 Jahre danach, kurz vor der Verjährung der Tat, kann er des Schreibers Anliegen, diesen schweren Fall noch einmal Stück für Stück aufzuarbeiten, nicht abschlagen.

"Der Mann im Park" ist das Debüt des Schweden Pontus Ljunghill, auch wenn man dies kaum herauszulesen vermag. Das Werk ist ausgereift,stilsicher, profund. Der Autor hat sich zur Grundlage gemacht, was ihm nahe ist: Mit Polizeifällen kennt sich der Kriminologe aus, auch journalistische Unternehmungen hat er bereits gemacht. Schweden, speziell Stockholm, ist für ihn nicht nur Schauplatz seiner Geschichte, sondern Lebensmittelpunkt. Auch wenn nicht jede Kneipe und jedes Restaurant aus dem Buch auch real existieren, wie er selbst im Nachwort klarmacht.

Die Bezeichnung "Thriller" erweckt bei manchem Leser möglicherweise falsche Erwartungen, auch wenn die Genre-Definition den Kern treffen mag. Zwischen Suchendem und Gesuchten passiert Interaktion, der Kommissar ist vom seinem Mörder mehr und mehr besessen, auch in die Psyche der Figuren - gleich aus verschiedenen Perspektiven - darf der Leser Einblick nehmen. Aber Ljunghill macht es spannend ohne Spannung, dramatisch ohne Drama, brutal ohne Gewalt zu zeigen, ereignisreich ohne Action. "Der Mann im Park" ist eine Einladung zu einem ganz klassischen Krimi, der nicht umsonst nicht nur in seinem Heimatland vielgelobt worden ist, auch in Deutschland ist die Mitte September im Heyne-Verlag erschienene Lektüre zurecht gut weggekommen unter den Kritikern. Besonders schön zu lesen übrigens für diejenigen, die Stockholm kennen, die Umgebung wieder erkennen und für ein bisschen schwedische Geschichte der 20er Jahre ein Ohr haben.

Eines jedoch, das sei zum Ende gesagt, kann oder will der Autor definitiv nicht: Tempo machen. Sowohl was die erzählte als auch die Erzähl-Zeit angeht. Wenn "Krimi-Couch.de" schreibt, "man ist mit den 560 Seiten nach spätestens zwei Tagen durch", dann ist das gewiss keine Durchschnittsangabe, denn ein Stoff zum Verschlingen liest sich anders. So kann man sich auch als geübter Leser locker ein, zwei Wochen mit dem Buch aufhalten. Was am Ende zählt ist doch, nicht vorm Finale schlapp zu machen. Und wenn man nach mehrmaligem Ansetzen nicht rausgekommen oder den Schinken samt Eselsohren im Schrank verstaut hat, kann man sich sicher sein, dass es sich lohnt, auch auf einen Nachfolger gespannt zu sein.

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