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Mittwoch November 22, 2017
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Ralf Rothmann: Milch und Kohle

„Hier ist Stadt: Asphaltierte Straßen, nette Nachbarn, ein Fernseher und jeden Samstag Tanz bei Maus.“ Ralf Rothmann kennt sich aus im Ruhrgebiet, hier ist er groß geworden, hier spielen bereits seine Romane „Stier“ (1991), „Wäldernacht“ (1994), „Flieh, mein Freund“ (1998) und viele folgende. 2002 erschien „Milch und Kohle“ als Taschenbuch, ein Titel wie für den Pott geschaffen, und, wie sollte es anders sein, auf schwarz-weißem Cover. Dabei ist es keine Geschichte der Gegensätze, der Spannungen, der Auf und Abs, sie ist vielmehr ein unpolitischer Zeitsprung in das Ruhrgebiet der späten 60er Jahre und plätschert einfach so dahin. Es geht um Bergbau, um Staublungen, um Pommes und um Bier. Und es geht um Simon, den Protagonisten, der sich anlässlich der Beerdigung seiner Mutter Liesel und deren alten Kisten seiner Jugend zurückentsinnt: Da ist Simon selbst, der in Ich-Erzählung berichtet,  15 Jahre alt und eben mit seiner Familie vom Land in eine Zechensiedlung gezogen – hat saubere Milch gegen schmutzige Kohle eingetauscht. Nun arbeitet der Vater unter Tage, bis er bei einer Gasexplosion schwer verletzt wird, jetzt ist der Etat knapp, die Eltern streiten, prügeln, trinken, rauchen. Während Mutter Liesel von der Flucht mit dem italienischen Gastarbeiter Gino träumt, rutscht selbst der jüngere epileptische Bruder Thomas, Traska genannt, in die Kriminalität ab. Am Rande lebt, beobachtet und leidet Simon, der ruhigste im Bunde, macht seine ersten sexuellen Erfahrungen und verliert seinen besten Kumpel. Als auch noch die Mutter erkrankt, brechen die Erinnerungen ab. Angesichts der nüchternen, distanzierten Darstellung muss der Leser in seinem Eindruck schwanken, ob sich Simon gerne zurückerinnert oder weniger, ob die Lektüre Bewältigung von Simons Vergangenheit ist, oder vielleicht sogar der des Autors. „Wir hatten ja auch gute Jahre“, wird Liesel nie müde zu betonen, wenn der Leser auch über die gesamte Länge nichts entdecken wird, was der Bezeichnung „gut“ entspräche. Und so ist auch Simons Fokus ein anderer, einer, der es ihm erlaubt, eine wirklich schwere Zeit im Rückblick mit augenzwinkernder Sehnsucht zu betrachten: „Wir hatten nicht nur schlechte Jahre.“ Das sehen sicher viele Alt-Ruhrgebietler so.  Ein Muss ist dieses Werk wohl nicht. Doch gerade jetzt, wo wir in den alten Schächten Kultur schaffen, passt es einfach rein. Aber nicht nur „Milch und Kohle“ macht Rothmann zum wichtigen Stück Ruhrgebietsliteratur. Suhrkamp-Taschenbuch, Frankfurt 2002

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