rrrlogo

 

Oldschool journalism with modern attitude - since 2005

Mittwoch November 22, 2017
Home  //  REPORTS  //  BUCH  //  Stefan Boskamp: Territorium

Stefan Boskamp: Territorium

Verflixt klein ist das Territorium, auf dem sich Stefan Boskamp literarisch verwirklicht hat, doch äußerst fein sein Konstrukt. „Tragbare Texte“ nennt der Hamburger Independent-Verlag Minimal Trash Art seine neue Buchreihe, die in jede Hand- und sogar in meine Jackentasche passt. Ob die sogenannten Expressschmöker auch dorthin gehören, hängt ganz von der Nervenstärke des Rezipienten ab. Denn Stefan Boskamp – einer der Autoren, die hier eine Plattform für ihre Kurzgeschichten, Novellen, Lyrik oder Experimentelles finden - ist Neurologe und bleibt dem Berufsbild des Arztes auch mit seinem Schrift-Debüt treu: Er wühlt sich tief ins menschliche Innere. Angst erzeugt der Hamburger mittels eines Auftragskillers, der dem Adressaten eines anonymen Briefes und damit auch dem Leser zunächst unverhofft bei einer Busfahrt begegnet und sich schlicht nicht mehr abschütteln lässt. Ganz ungeniert lässt er sein Opfer wissen, dass er sich stets in dessen Nähe befindet, bis in die eigenen Wände hinein. Bös sein kann man dem Übeltäter dabei keinesfalls, will man dem einsamen Kerl mit dem unbegehrten Job doch gern ein wenig Nähe und Freundschaft gönnen. Mitleid verdient auch Max, der Oberarzt, der alles in Bewegung setzt, um seinen Patienten zu helfen, seinem eigenen Todesurteil aber doch nur schwer ins Gesicht sehen mag. Und schließlich ist da Dominik Cramer, um dessen Lebenswende sich das leider etwas zähe Filetstück des Kurzwerkes dreht: Liebevoll arbeitet der Sonderpädagoge mit dem in sich gekehrten Timo, in seinem Privatleben gibt er selbst das Problemkind – Single, Koks-Konsument, HIV-infiziert. In diesem Dschungel spielt er gern den Gorilla. Doch ob der größte lebende Primat in die Freiheit findet? Schade, dass ein solch winziges Büchlein so mit Themen überladen ist, mit gängigen Klischees spielt, manche Episode unrund schließt und die ein oder andere Formulierung holpert. Schön dagegen, dass so wenig Worte so voller Ideen sprühen und so unverschnörkelt direkt sprechen können. Und deshalb: Trotz Auftakt-Schwächen des Autoren ist „Territorium“ griffig, zackig und sicher nichts für die Tonne. Minimal Trash Art, Tragbare Texte, Dezember 2009, Taschenbuch, 112 Seiten, 8,90 Euro.

Share on Facebook

Konzert-Tipps

Translate