Das Baugerüst

Sie saß in ihrem Zimmer in der zweiten Etage. Das Baugerüst und der damit verbundene Lärm ging ihr schon eine ganze Weile tagsüber auf die Nerven. Deshalb genoss sie nachts die Ruhe. So auch in dieser ersten frühlingsversprühenden Nacht. Ihre Katze saß am offenen Fenster und knurrte imaginäre Vögel an, die kleine früher blonde Frau durchstreifte die Weiten des Internets, wagte den ein oder anderen Chat, rauchte eine Zigarette, als zwei müde und betrunkene Augen sie durch ihr eigenes Fenster anstarrten. Im zweiten Stock... „Ach ja, der Bauzaun", dachte sie nach dem ersten Schock, und was nach Hausfriedensbruch (zählt ein Baugerüst zum Haus?) und Belästigung duftete, entwickelte sich schnell zu einem spannenden Schlagabtausch über Arbeitslosigkeit, Hartz IV und die Jugend von heute. Leider hatte kein Fernsehsender eingeschaltet, kein Politiker schaute zu, immerhin laberte keine Christiansen dazwischen, als das wahre Leben stattfand. Wie der nächtliche Besucher in seinem Zustand den Weg über das Gerüst zum Erdboden fand, bleibt sein Geheimnis. Nicht aber die Tatsache, dass das Leben die besten Geschichten schreibt.

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