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Montag Oktober 23, 2017
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4 items tagged "Literatur"

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Review: Till Reiners: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

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Till Reiners ist Kabarettist und Politologe. Und jetzt auch "irgendwas zwischen Günter Wallraff und Mario Barth deckt auf", wie er sein Buch "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" selbst beschreibt. Zwei Gründe, es nicht zu lesen. Was er wohl meint: Er geht undercover, und oft hat er von dem, was ihm da begegnet, keine große Ahnung.

 

Zum Glück arbeitet er nicht mit dem Privatfernsehen zusammen, braucht keine plakativen Bilder und darf differenziert berichten. So begleitet ihn der Leser zu Bärgida, dem Berliner Ableger der Pegida-Bewegung, geht mit ihm auf einen Legida-Marsch, der Leipziger Version, und landet schließlich natürlich auch noch in Dresden, der Hauptstadt der Bewegung. Reiners spricht mit Kai, den die Finanzierung der Flüchtlingspolitik beunruhigt, der sich aber auch der Einseitigkeit der Informationsquellen bewusst ist. Er lernt Lisa kennen, Deutsch-Polin, die Angst vor Kopftüchern und sexuellen Übergriffen hat. Und davor, dass andere Menschen mehr vom staatlichen Kuchen abbekommen als sie selbst. Und Benjamin, dem fehlt es an Werten, statt mit Wut überrascht er mit Sachlichkeit.

Von der Pegida geht es, logische Konsequenz, direkt zur AfD, Parteitag in Stuttgart. Und weiter nach Pforzheim, Freital, in den sächsischen Landtag - bis hin zu seinem Fazit: Asylkritiker sind für den Autor grob in drei Typen (hatten wir nicht über 200 Seiten lang versucht, Stereotypen zu vermeiden?) zu unterteilen. 1. Die Entschleuniger, denen der Wandel einfach zu schnell geht. 2. Die Hüpfburg-Fans: "Je doller man nach unten tritt, desto höher kommt man." 3. Die Rechten. Ohne Erklärung. Und dann liefert Reiners noch Antworten auf die (seiner Erfahrung nach) häufigsten Angst-Szenarien. Ende.

 

Wenn es zum Schluss heißt, "gegen Rechtspopulismus helfen: Bildung, Begegnung und Mut", haben wir an Erkenntnis wenig gewonnen. Und wenn ich zukünftig einem Rechten begegne, fühle ich mich gewiss auch dann noch wie Reiners auf einem seiner Ausflüge: "So wie der Joker aus Batman: Aus den Augenwinkeln sieht man einen normalen Clown, und wenn man genau hinschaut, kann man erkennen, dass seine Mundwinkel eingeritzt sind und das Rot um seine Lippen Blut ist."

 

Fazit: "Es ist längst nicht alles supi-toll", das gilt für Deutschland genauso wie für das vorliegende Werk. Trotzdem: zum Nachdenken anregende Zug-Lektüre, eingängig, ohne erhobenen Zeigefinger, nicht ganz ohne Klischees, aber sicher nichts für AfDler.

 

Till Reiners: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, September 2016, 266 Seiten

 

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Review: Jens Lubbadeh: Unsterblich

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"Die Ewigen sind das Beste aus jedem gelebten Leben. Die Blended Reality ist das neue Paradies." Im Jahr 2044 ist der Traum vom ewigen Leben menschliche Realität geworden. Oder unmenschliche.

 

Worum es geht: Zombies, Geister, Klone, Avatare - die Vorstellungen von einem Leben jenseits der regulären Lebenszeit sind vielfältig. Jens Lubbadeh entwirft in "Unsterblich" das Szenario von virtueller Auferstehung in Form von "Ewigen". Hirnimplantate der Firma Immortal machen es möglich: John F. Kennedy hat Donald Trump längst aus dem Weißen Haus vertrieben (glücklicherweise wusste der Autor zum Veröffentlichungszeitpunkt noch nichts von dessen Präsidentschaft), Barack Obama existiert in zweifacher Form - als 82- und Anfang Fünfzig-Jähriger, Helmut Schmidt ist deutscher Bundeskanzler, Michael Jackson kommt auf die Bühne zurück, das iCar 6 erobert den Markt. Und auch Stilikone Marlene Dietrich ist zurück in ihren Hosenanzug geschlüpft, um wieder durch Berlins Straßen zu wandeln. Selbstverständlich mit einem Update, um sich in der neuen Gegenwart zurechtzufinden, und der markenüblichen Sperre für Todesphantasien. Doch genau da enthüllt sich ein bug: Die digitale Kopie der Leinwandlegende scheint dem Ableben näher als vorgesehen. Gehackt, manipuliert, entführt oder schon - technisch undenkbar - dahingeschieden? Versicherungsagent Benjamin Kari begibt sich auf die Suche nach dem aus seinen eigenen Händen geschaffenen Produkt und der unglaublichen Geschichte dahinter. Dabei begegnet er Whistleblower Reuben Mars, der seinem ehemaligen Arbeitgeber großes Gefahrenpotential attestiert. Dabei ließ sich sogar sein großes Idol Freddy Mercury zwei Jahre zuvor immortalisieren und bricht mit Queen wieder sämtliche Rekorde. Who wants to live forever?

 

Was man lernt: Normalsterbliche, Avatare und Ewige - die Gesellschaft bleibt trotz technischen Fortschritts komplex und gespalten. Endlichkeit und Unendlichkeit sind gleichermaßen beängstigend. Wer ewiges Leben will, braucht Geld und verliert Seele. Depression und Massenmorde sind nichts weiter als ein PR-Problem. Und als Hologramm kann man nicht essen, knutschen oder pinkeln. Also: Jung und gesund bleiben, immer gern, aber bitte nur bis zum Ende eines regulären Lebens.

 

Fazit: Gute Science-Fiction, großer Humor, schöner, eher journalistischer, denn belletristischer Stil - unsterblich lesenswert

 

Jens Lubbadeh, Unsterblich, Roman, Heyne, 2016 erschienen, 448 Taschenbuch-Seiten

 

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Florian Henckel von Donnersmarck: Kino!

PictureFlorian Henckel von Donnersmarck hat etwas geschafft, was nur ganz wenigen deutschen Regisseuren bislang gelungen ist: Mit "Das Leben der Anderen" hat er den Oscar gewonnen, die wichtigste Trophäe im internationalen Film.

In seinem launigen Buch "Kino" präsentiert der Goldjunge einige Essays über die Kunstform Film, vor allem aber über das gnadenlose Business, nicht nur in Hollywood. Oft beginnt er mürrisch (wenn er etwa über Superheldenfilme ablästert, die einfach immer Erfolg haben, egal, wie schlecht sie eigentlich sind - Stichwort Hulk), verwandelt viele der Kapitel in dem mit 128 Seiten recht dünnen Buch dann aber gegen Ende doch noch in hochinteressante Close-ups. Wer wusste zum Beispiel, dass ein Comedykracher wie "Und täglich grüsst das Murmeltier" eigentlich eine Drehbuchvorlage hatte, die vor allem eine Buddhismuslehre beinhaltete?
Viele Dinge, die Donnersmarck anspricht, schreien Filmfans aus der Seele. Etwa der Fluch des dritten Teils. Wenn ein zweiter Teil durchaus noch gelingen kann, so Donnersmarck, ist ein dritter fast immer schlecht und reflektiert lediglich die ersten beiden. Touche. Auch geht er immer wieder gerne darauf ein, dass dem Regisseur nicht mehr genug Ehre zuteil wird, aus seiner Sicht verständlich, aber auch durchaus nachvollziehbar begründet. Spannend sind seine Einwürfe, wenn es um die Marketingmacht Hollywoods geht. So schaut der Meister aus Deutschland niemals Trailer, denn diese würden meistens nicht das ausdrücken, was der Regisseur eigentlich mit dem Film sagen wolle, da sie von Werbeleuten gemacht werden, die nur eins im Sinn haben: Den Film möglichst vielen anzudrehen. Das Buch ist sehr unterhaltsam geschrieben, die Kapitel manchmal etwas kurz, doch insgesamt ein spannender Blick hinter die Kulissen der Traumfabriken.
 
Fazit: Spannender Einblick ins Filmgeschäft mit persönlicher Note
 

Lenny Kravitz: Flash

lenny kravitz flashMit "Flash" hat Lenny Kravitz im Prinzip aus der Not eine Tugend gemacht: Weil ihm zum ungestörten "Knipsen" die Privatsphäre fehlte, lichtete er eben das ab, was sein Umfeld stets bestimmt: die Fotografen selbst.

46 großformatige Abbildungen geben dem Leser einen Einblick in seine ganz persönliche Perspektive von öffentlichem Leben. Kravitz hat zurück geblitzt und sie alle unvorbereitet vor die Linse geholt: Handy-Fans, die hinter Schaufenstern kleben, Berufsfotografen bei seinen öffentlichen Auftritten, Paparazzi im Moment ihres geldeinbringenden Schusses.

In Einzelporträts, kleinen Gruppen oder großen Massen. Mancher ließ sich von dem Gegenangriff nicht beirren, einige brachte er zum Lachen, manchen sogar zum Posieren, als hätte sich das Star-Blatt urplötzlich gewendet.

Die Fotografie habe ihn schon früh fasziniert, verrät Kravitz in seinem Vorwort. Doch erst durch seinen langjährigen Freund, den Fotografen und Videoregisseur Jean-Baptiste Mondino bestärkt, sei es zu diesem ersten Fotobuch-Projekt gekommen. Etwas, das auch durch Andy Warhol geschaffen sein könnte, lobt der Ideengeber und Lehrmeister des Künstlers "flashback pictures", aufgenommen mit einer Leica, durchweg in schwarz-weiß.

Aus fotografischer Qualitätsanalyse ist an dem Werk nicht alles perfekt. Schnitt, Bildschärfe, Kontraste, Licht, der Hobbyfotograf missachtet so manche grundlegende Regel. Vor allem, weil sein Fokus meist mittig und der Abdruck doppelseitig gewählt ist, geht die Wirkung vieler Motive in der Falz leider verloren.

Das tut der Geschichte, welche die Bilder erzählen, jedoch keinen Abbruch. "I think this is the best self-portrait book that I´ve ever seen", lobt Mondino. Und tatsächlich ist an der Idee hinter der Bildstrecke kaum etwas zu kritisieren. Der Fotograf und Fan wird sich schalkhaft selbst betrachten, der Medien- und Musikkultur-Betrachter darüber diskutieren, der neutrale Leser wenigstens ein Stündchen in einem durchaus schönen Bilderbuch blättern dürfen. Und der "Professionelle" in der Welt der Lichtbilder kann vermutlich aufatmen und sagen: Richtig gute Arbeit, auch wenn ich es selbst sicher besser gemacht hätte ...

 

Lenny Kravitz: Flash,

2005, teNeues,

Hardcover, 99 Seiten

ISBN: 978-3-8327-3247-9

 

 b5von6